Die Geschichte

Meine Werkstatt hat eine Geschichte, die ich an dieser Stelle gerne erzählen möchte, denn sie ist ein Abbild unserer Zeit.

Anfang der Siebziger Jahre wechselte der Buchbindergeselle Hartmut Brechelt von der Dokumentationsstelle des Max-Planck-Instituts in der Bunsenstraße Göttingen zum Faßberg, auf dem die neue biophysikalische Chemie gebaut wurde. Dort sollte eine kleine, hauseigene Buchbinderei eingerichtet werden.

Alle benötigten Maschinen, alle Werkzeuge und Materialien wurden zu diesem Zweck ausgesucht und angeschafft. 35 Jahre lang wurden dann Zeitschriften für die direkt angeschlossene Otto-Hahn-Bibliothek gebunden, Bücher repariert und gepflegt, Dissertationen, Festschriften und Artikel gebunden, Plakate aufgezogen und Bilder gerahmt. Im Jahr 2005 ging der Buchbindermeister Brechelt in den Ruhestand und ich wurde für zwei Jahre seine Nachfolgerin. Doch der kleine Werkstattraum, der durch seine Lage 36 Jahre lang die unkomplizierte direkte Zusammenarbeit mit der Bibliothek gewährleisten konnte, wurde plötzlich für die Unterbringung von Akten benötigt. Die komplette Werkstatt musste eingepackt und mithilfe von Kran und Hubwagen ausgelagert werden. Für ein letztes Jahr baute ich die Werkstatt in der Bunsenstrasse im Max-Planck-Institut für Strömungsforschung auf. Dort arbeitete ich bis zum 31.7.2007.

Die Werkstatt wurde nach fast 40 Jahren endgültig geschlossen. Eine hauseigene Buchbinderei wollte sich das Institut nicht mehr leisten, denn immer mehr Serviceleistungen wurden gestrichen, und eine Vielzahl der Zeitschriften wurden digital ins Netz gestellt. Die noch anstehenden Arbeiten wurden „outsourced“, neben den ortsansässigen Buchbindereien mussten jetzt bundesweit die günstigsten Anbieter gesucht werden.
Die Qualität der Arbeit fiel nun dem radikalen Preiskampf zum Opfer und ich wurde somit auch ein Opfer der Digitalisierung und arbeitslos. Ein Gutes hatte dies jedoch. Ich konnte die komplette Werkstatt kaufen und damit retten, denn andernfalls wäre sie verschrottet worden, ein Ende, das ich unbedingt verhindern wollte.

Nun war ich stolze Besitzerin einer kompletten Buchbinderei, aber dieser Segen war zugleich auch Fluch, denn wohin damit? Was sollte ich nun mit diesem Erbe beginnen, wo in Göttingen Stellen gestrichen, Buchbinder eingespart und Bücher ins Netz gestellt wurden?

Damals reifte der Gedanke, unser Handwerk erhalten und demonstrieren zu wollen. Die Historischen Spinnerei Gartetal erschien mir als ein idealer Ort, denn rund 150 Jahre wurde sie als Papiermühle genutzt (1651-1836). Im Gartetal wurden 1774 sogar die ersten Versuche unternommen, Recyclingpapier herzustellen, da der Papierbedarf stetig wuchs und die Rohstoffe knapp waren. Die Idee lag also nahe, in historischem Ambiente ein kleines Museum vom „Papier zum Buch“ aufzubauen, das mithilfe meiner Werkstatt altes Handwerk demonstriert. So zog die gesamte Buchbinderei mithilfe der Umzugsfirma Haberland und einigen Freunden nach Klein Lengden um. Nur war es diesmal eine logistische Meisterleistung, die großen tonnenschweren Maschinen durch die engen Türrahmen und über sperrige Schwellen in das ehemalige Wohnhaus zu transportieren. Es dauerte Monate, bis alles an seinem Platz war und ich in der Werkstatt arbeiten konnte. In der Zwischenzeit schloss eine weitere Institutsbuchbinderei, nämlich die ehemalige Dokustelle in der Bunsenstrasse. Auch hier wurde der Ruhestand des letzten Buchbinders genutzt, um die Werkstatt zu schließen. Durch meine Evakuierung im Jahr 2006 durfte ich mir alle verbleibenden Reste nehmen, an denen meine Kollegen kein Interesse hatten. Da fand ich einen alten Heißleimpinsel, ein Lumbeckgerät der ersten Stunde, leimverschmierte Hocker und Körbe. Kurz Etliches was aus musealer Sicht Gold wert ist. Dazu kamen noch 2 Vitrinen, die im Geismarer Heimatmuseum ausgemustert und mir angeboten wurden.

Doch schon bald stellten sich neue Hürden heraus. Wegen mangelndem Brandschutz konnten keine Besucher oder Gruppen in das alte Fachwerkhaus geführt werden. Starke Feuchtigkeit und fehlende Heizmöglichkeit schadeten zudem den empfindlichen Materialien und setzten den Maschinen zu. So blieb nach zwei Jahren nur der erneute Auszug, damit das Wohnhaus von Grunde auf saniert werden konnte. Dies war der dritte Umzug und diesmal wurde das gesamte Equipment für ein Jahr eingelagert, da ich die Meisterschule in München besuchen wollte und keine weiteren Pläne bis dato vorlagen. Nur eine Rückkehr in die Spinnerei wurde ausgeschlossen, da ich vom Vorstand keine inhaltliche Unterstützung für meine Idee bekam.

Im Spätsommer 2011 stand ich plötzlich wieder vor der Entscheidung: soll ich die Werkstatt verkaufen und wenn nicht, wie kann ich die Kosten für eine Unterbringung tragen? Eine Trennung kam nicht in Frage, zu sehr hänge ich doch an jedem einzelnen Werkzeug. Die Suche eines Lagerraumes führte letztlich zu den Räumen in der Carl-Giesecke-Straße. Der nunmehr vierte Umzug fand 23.Oktober 2011 statt und war ein erneuter Kraftakt für alle Beteiligten.

Jedes Teil musste gereinigt und entrostet werden, die Schneidemaschine hatte Schaden genommen und konnte erst nach Monaten wieder zum Laufen gebracht werden. In dieser Zeit des Aufbaus wuchs mir die Werkstatt noch einmal ganz neu ans Herz und alle Liebe zu meinem Handwerk steckt in der Gestaltung meiner Werkstatträume. Die Entscheidung mich selbständig zu machen, reifte erst mit der Zeit. Denn alle Vernunft sprach nach wie vor dagegen, in einer Zeit in der alle Buchbinder um ihren Erhalt kämpfen, Werkstätten aufgeben und kein Mensch mehr für ein Buch Geld ausgeben möchte. Und trotzdem…Die Idee meines Museums lebte wieder auf und sehr schnell stellte sich heraus, dass die neuen Räume zwar nicht die historische Luft atmen, dafür aber hell, trocken, warm und wie geschaffen für meine Arbeit sind. Ein Jahr hat es gebraucht, bis alles seinen neuen Platz gefunden hat und sowohl der Zweckmäßigkeit als auch den musealen Ansprüchen genüge getan wurde. Inzwischen besteht die Werkstatt nicht mehr ausschließlich aus dem Bestand der 70er Jahre, sondern trägt ein Stück vielfältiger Geschichte in sich, die eine ganz eigene Atmosphäre atmet.

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